Grabungsfund Červenische Burgen

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Spektakuläre Schatzfunde – jetzt in Gnesen zu sehen

Umstrittene Grenzregion

Die Herrschaft über das Gebiet der sogenannten Červenischen Burgen, das heute im östlichen Polen liegt, beanspruchten im Mittelalter die polnischen Piasten und die altrussischen Rurikiden gleichermaßen. Als Boleslav der Tapfere im Jahre 1018 gegen Kiew zog, waren bei der Schlacht am Bug auf polnischer Seite sogar sächsische Truppen mit dabei. Als Symbol für ein umstrittenes Gebiet sind die Červenischen Burgen immer wieder Teil nationalstaatlicher Selbstvergewisserung gewesen: Im 19. und im 20. Jahrhundert bemühten sich Historiker und Archäologen die Frühgeschichte dieser Region an die jeweilige Geschichtspolitik im russischen Imperium, in Polen, der UdSSR oder in der Ukraine anzupassen und Schulbücher erzählen bis heute von Dingen, über die immer noch längst nicht genug bekannt ist.

Zwei der wichtigsten Zentren dieses Grenzgebiets waren vom 10. bis zum 14. Jahrhundert die Wallanlagen in Czermno (altruss. Červen’) und Gródek am Bug (altruss. Volyn’). Es handelt sich dabei um große Siedlungszentren, die auch in wirtschaftlicher Hinsicht eine wichtige Rolle spielten, lagen sie doch am Handelsweg von Regensburg nach Kiew, wobei die Route über Prag, Olmütz (bzw. Breslau, Oppeln), Krakau, Sandomir, Czermno (Červen), Gródek (Volyn’) oder Przemyśl (Peremyšl) und Vladimir Volynsk führte.

Grabungen Červenische Burgen

Gemeinsam forschen

Nach dem Ende politischer Instrumentalisierung war es in der europäischen Mediävistik für Jahrzehnte still um die Červenischen Burgen. Doch auch das ist inzwischen Vergangenheit. Seit 2008 forscht ein Team von mehr als 60 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus Deutschland, Polen, der Schweiz, Russland, Serbien und der Ukraine gemeinsam, vor Ort und an den jeweiligen Forschungsinstitutionen. Diese Arbeit, an der auch das GWZO maßgeblich Anteil hat, wird aus Mitteln der deutschen und polnischen Wissenschafts­förderung finanziert. Diese Forschungen gehören mittlerweile zu den größten gemeinsamen Projekten deutsch-polnischer Zusammenarbeit auf dem Gebiet der Frühgeschichte Ostmitteleuropas. 

Schätze ausstellen

In den Jahren 2011, 2014 und 2015 wurden auf dem Gebiet der Červenischen Burgen sensationelle Funde zu Tage befördert, die nach Auswertung und Aufarbeitung als dynamische Wanderausstellung von Tomaszów Lubelski aus auf die Reise durch polnische Museen bis nach Krakau und Gnesen geschickt wurden. Dank einer polnisch-deutschen Kooperation wurden die Stücke gereinigt sowie restauriert und erstrahlen nun wieder im alten Glanz. Im Rahmen der Ausstellungen werden an den verschiedenen Standorten immer wieder auch Ergebnisse der neusten internationalen Forschungen zur Region präsentiert und in Fachrunden diskutiert.

Rückschlüsse für die Forschung

Grabungsfund Červenische Burgen
Schmuckstück aus dem Schatz von Perespa bei Czermno
Schmuckstücke, Grab in Czermno
Schmuckstücke, Schatz von Perespa bei Czermno

Sprechende Fundstücke

Die in den Ausstellungen gezeigten Hortfunde bestehen aus Silberschmuckstücken, die zu den besten und faszinierendsten Beispielen mittelalterlicher Edelmetallverarbeitung gehören, die bislang auf dem Gebiet des heutigen Polen gefunden wurden. Gezeigt werden zwei Hortfunde aus Perespa, die ins 10. Jahrhundert datieren, sowie zwei weitere aus Czermno, die aus dem 13.–14. Jahrhundert stammen. Die älteren Fundstücke aus Perespa ähneln anderen Funden, die man in Osteuropa auf dem Gebiet der Kiewer Rusʼ gemacht hat, aber auch auf dem Gebiet Ungarns, Tschechiens sowie Klein- und Großpolens. Die Schmuckstücke zeigen, wie eng die Verbindungen sowohl nach Osten, zu den Rurikiden, als auch nach Westen, zu den Árpáden, den Piasten und den Přemysliden, gewesen sein müssen, deutlich wird, welch bedeutende Zentren die Červenischen Burgen in ihrer Zeit waren.

Offene Fragen für weitere Forschungen

Die Schmuckstücke aus Czermno wurden im Befestigungswall im Grab eines enthaupteten Kriegers gefunden. In unmittelbarer Nähe zu diesem Skelett fanden sich die Überreste eines nur wenige Jahre alten Kindes. Starben diese Menschen während der Kriegszüge der Mongolen in der Mitte des 13. Jahrhunderts? Welche anderen Erkenntnisse lassen sich aus diesen und zukünftigen Funden für die Region gewinnen? Ausreichend viele Fragen sind noch offen. Sie werden die Fachwelt noch mehrere Jahre beschäftigen. 

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